
Er hatte gelacht, als die Hexe ihn verfluchte.
Dieses selbstgefällige Lachen, das er immer benutzte, wenn er dachte, er sei unantastbar. Als hätte sie ihm gerade einen schlechten Witz erzählt.
Dann schrumpfte er. Plötzlich fühlte es sich an, als würde die Welt um ihn herum explodieren.
Nur dieses falsche Gefühl, als würde alles um ihn herum plötzlich wichtiger werden als er selbst.
Das Zimmer war fremd. Das Bett eine endlose Fläche. Der Boden ein Abgrund.
Seine Stimme klang dünn, kaum hörbar, als er brüllte:
„Du alte Hexe! Das zahl ich dir heim!“
Die Hexe hatte ihn fallen lassen. Ganz bewusst. Genau hierher. Ein Zimmer, das nach kalter Kontrolle roch. Teure, auserlesene Dinge. Keine Spur von Wärme oder Chaos. Mitten darin stand sie vor dem großen Spiegel. Mitte zwanzig, von einer fast unnatürlichen Perfektion. Lange, glatte blonde Haare fielen wie ein seidiger Vorhang bis zur Mitte ihres Rückens, kein Härchen außerhalb der Linie. Ihr Körper war makellos modelliert: schlank, straff, Proportionen, die wie berechnet wirkten, schmale Taille, lange Beine, Schultern, die Autorität ausstrahlten. Eisblaue Augen, scharf und durchdringend, starrten ihrem eigenen Spiegelbild entgegen. Ein Blick, der jeden Menschen innerhalb von Sekunden klein machen konnte, kühl, taxierend, ohne jedes Mitgefühl.
Sie musterte sich kritisch, drehte den Kopf leicht, zog eine Augenbraue hoch, als müsste selbst ihr perfektes Gesicht um ihre Anerkennung kämpfen. Jeder Millimeter wurde geprüft, jedes Detail bewertet. Sie war nicht eitel. Sie war Richterin. Und das Urteil fiel immer hart aus.
Als sie ihn bemerkte, zuckte sie nicht mal zusammen.
Sie schaute einfach runter.
„Holy shit. Was bist du denn“
, sagte sie. Kein Ekel. Kein Staunen. Eher dieses genervte Interesse, das man für Dinge übrig hat, die eigentlich nicht existieren sollten.
Er redete sofort. Zu schnell. Erklärte, wer er war. Wie das passiert war. Dass das hier ein Fehler sei. Dass man ihn wieder normal machen müsse.
Sie hörte ihm nicht zu.
Sie hob ihn auf, zwischen zwei Fingern, beiläufig, fast gedankenlos, als würde sie prüfen, ob etwas dreckig ist oder kaputt.
„Wow“, meinte sie trocken. „So viel Meinung... in so einem erbärmlichen kleinen Ding.“
Das traf härter als der Fluch.
Er spannte sich an, versuchte sich größer zu machen, wichtiger. Ein Reflex.
Sie merkte es und grinste kurz.
„Ach“, sagte sie. „So einer bist du“
Dann setzte sie ihn auf den Schreibtisch, nahm ein leeres Wasserglas und stülpte es über ihn.
Das Glas senkte sich wie eine Kuppel.
Er drückte sofort dagegen, Hände flach, schrie lautlos. Nutzlos.
Sie drehte sich zurück zum Spiegel, rückte eine Haarsträhne zurecht.
„Du bleibst da“, meinte sie ruhig. „Ich mag keine Männer. Aber dich kann man wenigstens kontrollieren. Und jetzt hab ich erstmal Ruhe.
“Er saß da drin, gefangen im durchsichtigem Gefängnis.
Zu klein, um das Glas umzukippen. Zu lautlos, um gehört zu werden.
Ihre Bewegungen draußen, riesig, gleichgültig, füllten den Raum.
Lippenstift. Mascara. Jeder Strich wie ein Urteil.
Und irgendwo, unter der Wut, unter dem verletzten Ego, unter dem alten Reflex, alles zu dominieren, begann etwas Neues zu kratzen:
Die Hexe hatte ihn nicht einfach bestraft.
Sie hatte ihn genau dorthin geschickt, wo er es am meisten spüren würde:
Unter jemanden, die genau so herablassend auf andere blickt, wie er es immer getan hat.
Jemanden, die ihren Männerhass endlich mal richtig ausleben konnte, bis nichts mehr von seinem alten Stolz übrig war.
Bis er lernen musste, wie man kämpft, nicht um zu gewinnen, sondern um gemocht zu werden.
Um geliebt zu werden.
Weil nur das den Fluch brechen würde....

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